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Der Abschied des alten Drachen


Der alte Drache Tharasikh lebte schon seit vielen Jahrhunderten und er spürte, dass seine Zeit gekommen war. Die Ahnen riefen ihn zu sich und der Drang, zu den Sternen zu gehen, wurde immer größer. Er wusste, dass es für ihn nur der Gang in eine andere Welt war, doch für seine Familie war es ein schmerzvoller Verlust für lange Zeit. Irgendwann würden sie sich wiedersehen, doch bis dahin würde die Sonne noch viele Jahrhunderte auf und untergehen.

So rief er eines Tages seine Familie zu sich. Er hatte vier Kinder, die Söhne Meskrethan und Askarmanth und die Töchter Kelesthra und Isedrah. Seine Gefährtin und Mutter seiner Kinder war vor langer Zeit ums Leben gekommen, als sie von Menschen gejagt und getötet wurde.

Als seine Kinder bei ihm waren, sprach Tharasikh: "Meine Kinder, auch wenn es für Euch schwer sein wird, meine Zeit ist gekommen. Unsere Ahnen rufen mich zu den Sternen und der Drang, die Reise anzutreten, wird für mich immer stärker. Ich schaue zurück auf ein langes Leben, in dem ich viel erlebt habe, aber auch erleiden musste. Viele Brüder und Schwestern sind von mir gegangen, viele wurden geboren und ich sah sie aufwachsen. Als ich ein kleiner Drache war, herrschte noch Frieden in dieser Welt, es gab keine Menschen, die dir nach dem Leben trachteten. Die Drachen lebten in Harmonie miteinander, denn der alte Drachencodex besagt, dass kein Drache einem anderen ein Leid zufügen durfte. Als ich älter wurde und meine Gefährtin wählte, wurde dieser Frieden gestört, denn die Menschen kamen in unsere Welt und machten Jagd auf uns. Unsere Schuppen und Hörner zierten ihre Rüstungen und wurden für viel Gold verkauft. Unzählige Schlachten wurden ausgetragen, in denen die Drachen gegen die Menschen kämpften und es auf beiden Seiten viele Verluste gab. Ich könnte Euch noch viele schlimme Dinge erzählen, die mir in meinem Leben widerfahren sind, doch das ist belanglos im Vergleich zu den schönsten Momenten in meinem langen Leben. Es waren die Tage, an denen ihr das Licht der Welt erblickt habt. Jedes einzelne meiner Kinder war für mich das größte Geschenk und erfüllte mein Herz mit einer Freude, die ich nicht zu beschreiben vermag. Mein Glück war perfekt und vergessen waren alle Wunden und Schmerzen, die mir in der Vergangenheit zugefügt wurden. Ich habe Euch viel gelehrt, die alten Weisheiten der Drachen, den alten Codex und auch das Kämpfen. Vergesst nie den alten Codex, gebt ihn weiter an Eure Kinder und Enkelkinder. Lehrt sie die Weisheiten und schenkt ihnen vor allem das wichtigste, die Liebe in Euren Herzen. Ihr werdet immer die Sonne in meinem Herzen sein und die Erinnerungen an Euch werden auf ewig in meinem Bewusstsein verbleiben. Seid nicht traurig, wenn mein Körper nicht mehr unter Euch ist, sucht in Euren Gedanken nach mir, dort werdet ihr mich finden. Schaut hinauf zu den Sternen, denn dort werde ich für Euch sein."

Die Drachen weinten, denn es war ihnen schwer ums Herz, ihren Vater gehen zu lassen, doch sie wussten, dass dieser Tag irgendwann kommen musste. Sie waren dankbar für all die Liebe und Güte, die ihr Vater ihnen stets entgegenbrachte. Sprechen konnten sie nicht, denn die Trauer schnürte ihnen die Kehlen zu, sie wussten aber auch nicht, was sie sagen sollten, also schwiegen sie. Tharasikh erhob sich schwerfällig und schaute in den Himmel. "Seht ihr, dort oben sind meine Brüder und Schwestern und sie leuchten jede Nacht heller als jedes andere Licht dieser Welt. Auch ich werde dort oben leuchten." Sein Körper war schwach und er musste sich hinlegen. Er lag in letzter Zeit sehr viel, denn seine Narben schmerzten und die Beine wollten ihn nicht mehr richtig tragen. Er spürte, wie sein Leben ihn verließ, wie die Flamme in ihm erlosch. Er legte seinen Kopf auf das weiche Gras unter ihm und sah seine Kinder an, die noch immer weinten. "Weint doch nicht, wir werden uns alle irgendwann wiedersehen. Seid nicht traurig, dass ich gehe, seid froh, dass wir uns kennen durften." Er lächelte sanft und spürte, wie seine Augen schwerer wurden. Er schloss die Augen und es wurde ihm sehr wohl um das Herz. Noch einmal sah er sein Leben vor sich, die schönsten, aber auch traurigsten Momente. Er atmete tief ein und stieß die Luft aus, zum letzten Mal. Reglos lag er da, mit einem Lächeln im Gesicht. Seine jüngste Tochter Isedrah ging auf ihn zu und streichelte ihn: "Vater?" fragte sie leise. Doch er war fort, war zu den Sternen gegangen und als seine Kinder in den Himmel schauten, der durch ihre Tränen ganz verschwommen schien, leuchtete ein Stern so hell wie kein anderer und sie wussten, dass ihr Vater angekommen war. Sie umarmten und küssten ihn ein letztes Mal, sagten ihm lebewohl, dann begruben sie ihn und wachten an seinem Grabe, bis der Morgen kam und die Sonne hinter den Bergen aufging.